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Huter'sche Temperamentslehre

Der psychophysiognomische Fachbegriff ‹Temperament› kennzeichnet den momentanen Verhaltens- und Bewegungscharakter eines Menschen. Er ist an der Mimik, an der Gestik, an den Haaren, an der Sprache, am Gang, an der Schrift und an anderen, leicht veränderbaren Merkmalen zu erkennen.

Das Temperament ist die physiologische Äußerung des charakteristischen geistigen Impulses. Es ist weder anatomischer noch psychischer, sondern mechanisch-physiologischer Natur. Es ist nicht Ausdruck der Sache, des Menschen selbst, sondern lediglich Ausdruck seines momentanen Verhaltens- und Bewegungscharakters.

Das Temperament kennzeichnet die Art eines inneren Reizzustandes oder eines gereizten Zustandes. Es ist eine Eigenschaft der Naturellbewegung.

Innerhalb eines Naturelles und bei jedem einzelnen Menschen können alle Temperamente vorkommen. Ist das Naturell nur teilweise umbildungsfähig, so ist das Temperament gesunderweise in einem ständigen Fluss, es bildet sich permanent um.

Wegen der leichten und schnellen Veränderlichkeit ist das Temperament als Grundlage für eine Charakterologie ungeeignet.

Es kann jedoch, nämlich dann, wenn aus Gewohnheit oder auf Grund einer angeborenen Disposition das eine oder andere oder auch zwei oder drei Temperamente bevorzugt gelebt werden, gewisse Triebe und Anlagen verschärfen oder abschwächen. Daher ist es beim Studium und der Analyse einer Persönlichkeit doch stets zu berücksichtigen.

Wird ein Temperament konstant, so wird der Mensch krank – oder er ist es schon.

Das Temperament muss, selbst dann, wenn eines oder zwei Temperamente habituell im Vordergrund stehen, im Interesse der Gesundheit wechseln.

Das Naturell gebietet dahingegen als Gesundheitsvorschrift, naturellgemäß zu leben, denken, arbeiten, ruhen und genießen.

Seit dem Altertum (Hippokrates, ungefähr 460-377 v. Chr.) unterscheidet man vier Temperamente, das cholerisch-heftige, das sanguinisch-heitere, das phlegmatisch-ruhige und das melancholisch-schwermütige.

Da die Beobachtung (nicht aber ihre Begründungsversuche) der Alten richtig ist, gibt es keinen Grund, ihre Verhaltenstypologie zu verlassen, wenn auch die Temperamente im gleichen Charakter, also als Verhaltenstypen, vermehrt werden können.

Es sei nochmals deutlich gesagt: Das Temperament kennzeichnet nicht die Sache, den Menschen selbst, sondern lediglich dessen Bewegungszustand, dessen momentanes Verhalten, seinen erregten, angeregten, gereizten und aktiven oder passiven Zustand.

Dass hierzu nicht nur die Aktualität Anlass gibt, sondern dass die Aktualität an vererbte Dispositionen appelliert, ist ausreichend gesichert.

Wenn im allgemeinen Sprachgebrauch (s. Duden) unter dem Begriff ‹Temperament› öfters die Wesensart, die Veranlagung, der Charakter und dergleichen verstanden wird, so entspricht dies eben nicht der Fachsprache.

In der universitären Psychologie gibt es keine einheitliche Definition des Temperamentsbegriffs. Die Definitionen unterscheiden sich von Autor zu Autor teilweise erheblich.